Ballett Dortmund Insight #2

Immer das Beste draus machen • Wie Tänzer Márcio Barros Mota den Lockdown erlebte

Seit ich mich erinnern kann, tanze ich gerne. Von klein auf war es so, dass ich nur Musik hören musste, um meine Hüften zu bewegen. Als ich etwas größer war, fing ich mit meiner Schwester und meiner Cousine an, bei Familienfeiern Hip-Hop zu tanzen. Tanzen war schon immer in meinem Leben und es hat mich stets sehr glücklich gemacht.

Als ich zehn Jahre alt war, schlugen mir meine Eltern vor, an einer Tanzschule in Lissabon (Portugal) vorzutanzen. Ohne wirklich zu wissen, was mich erwartet, ging ich also hin und wurde gleich gebeten, einige Ballettschritte zu machen. Ich ahmte einige Schritte nach, die ich in Filmen gesehen hatte und muss gestehen: Das gesamte Vortanzen war ziemlich furchtbar. Ich weiß bis heute nicht so richtig, warum ich damals aufgenommen wurde. Mein erster Eindruck vom Ballett war nicht gut, so dass ich ursprünglich gar nicht anfangen wollte. Aber meine Eltern drängten mich aus irgendeinem Grund dazu. Sie meinten, vielleicht wäre es ja doch eine gute Gelegenheit und wer weiß, was sich daraus noch alles ergeben könnte. Zu dem Augenblick wusste ich noch nicht, wie Recht sie haben würden...

Also habe ich gegen meinen Willen angefangen. Und meine Einstellung dazu änderte sich kein bisschen: Ich habe es richtig gehasst. Ja, ich hasste Ballett und wollte jedes Mal nach dem Unterricht das Studio für immer verlassen. Nur allmählich änderte sich meine Einstellung und ein besonderes Ereignis war unsere Produktion von „Der Nussknacker“. Ich war in meinem zweiten Jahr und plötzlich bemerkte ich, wie ich während der Proben anfing, Ballett zu genießen. Auf einmal war sie da, die Leidenschaft. Und sie wurde immer größer und größer.
Am Ende blieb ich acht Jahre auf der Schule und hatte in meinem letzten Jahr großes Glück: Ich nahm an einem der größten Tanzwettbewerbe der Welt teil - dem Prix de Lausanne. Es war eines der besten Tanzerlebnisse, die ich je hatte. Die Organisation war hervorragend, ich durfte mit erstaunlich guten jungen Tänzer*innen arbeiten, von großartigen Lehrer*innen lernen und vor der ganzen Welt auftreten. Außerdem wurde mir wegen dieser Teilnahme im Ballett Dortmund eine Stelle als professioneller Balletttänzer angeboten. Bis heute bin für meine Teilnahme am Prix de Lausanne dankbar- auch deshalb, weil ich so nach Dortmund gekommen bin.

Mitte März 2020 traf auch uns der erste Lockdown. Es war eine schwere Zeit. Ich konnte meine Familie nicht sehen und habe sie sehr vermisst. Aber mir ging es nicht alleine so. Alle Tänzerinnen und Tänzer des Ballett Dortmund waren nicht nur plötzlich von ihren Familien getrennt, viele von verbrachten die gesamte Zeit des Lockdowns alleine in ihren Wohnungen. Ich hatte dabei noch Glück, dass ich in einer WG mit einer guten Freundin lebe. Dass ich wenigsten einen direkten menschlichen Kontakt hatte, hat mir sehr geholfen. Ich glaube, ich wäre wohl depressiv geworden, wochenlang eingesperrt in der Wohnung. Die Tatsache, dass wir zusammen reden, oder Filme sehen konnten, hat mich von all den schrecklichen Dingen abgelenkt, die außerhalb unserer Wohnung passierten.

Besonders schlimm war es aber, nicht tanzen zu können und dabei trotzdem in Form zu bleiben. Ich versuchte jeden Tag, Übungen an der simulierten Stange bei mir zu Hause zu machen. Es war natürlich nicht dasselbe wie im Studio oder im Fitnessstudio. Also habe ich mich jeden Tag ausgiebig gedehnt, um meine Beweglichkeit nicht zu verlieren. Ich nutze die Zeit, um neue Aktivitäten und Hobbies kennenzulernen und auszuprobieren. Normalerweise lese ich gerne und sehe Filme. Durch den Lockdown habe ich Interessen am Zeichnen und Malen entwickelt. Ich habe sogar angefangen, ein bisschen Gitarre zu spielen.

Im Allgemeinen waren es seltsame Zeiten. Ich habe versucht, das Beste daraus zu machen und so kam ich ganz gut durch die Zeit und habe mich auf bessere Tage gefreut. Besonders glücklich war ich, als der Lockdown aufgehoben wurde und ich wieder nach Portugal reisen konnte, um endlich bei meiner Familie sein.

 

 

 

Ballett Dortmund Insight #1

Stephanine Ricciardi • Die Liebe zum Tanz und andere Talente

Mein Name ist Stephanine Ricciardi, ich komme aus dem Nordwesten Brasiliens. Geboren und aufgewachsen bin ich in Rio Branco im Bundesstaat Acre, einer Region am Rande des Amazonastieflandes, in der Nähe zu Bolivien und Peru.
Meinen ersten Kontakt mit der Welt des Tanzens hatte ich im Alter von ca. 14 Jahren, als ich eine Ballettaufführung meiner Cousine anschaute und schließlich meine Begeisterung für Ballett und Tanz entdeckte. Angefangen habe ich zunächst mit Ballett, Jazz- und Stepptanz in der einzigen Tanzschule weit und breit. Meine Begeisterung für das Tanzen ist fortan immer stärker gewachsen, zusätzlich hat mich meine damalige Lehrerin, trotz meines vergleichsweise hohen Einstiegsalters, stets motiviert.

Etwa ein Jahr nach Beginn meiner tänzerischen Leidenschaft ist meine Familie schließlich in den Südosten Brasiliens, nach Vitória im Bundesstaat Espírito Santo, ca. eine Flugstunde von Rio de Janeiro entfernt, umgezogen. In der hiesigen Schule hatte ich die Möglichkeit, von erfahrenen und hochqualifiziertenLehrerinnen und Lehrern der „Escuela National di Cuba“ (Nationale kubanische Ballettschule) zu lernen. Während dieser Zeit war es mir möglich, an einer Vielzahl von Tanzveranstaltungen und Tanzwettbewerben, auch überregional, teilzunehmen. Im Zuge einer dieser Veranstaltungen machte ich meine erste Begegnung mit der renommierten „Escola do Teatro Bolshoi no Brasil“ (Theaterschule Bolshoi in Brasilien) in Joinville, im Süden Brasiliens.

Nach einem Jahr in Vitória entschloss ich mich, mich um ein Vortanzen für die Auswahl der neuen Student*innen an der Bolshoi Schule in Joinville zu bewerben. Ich erhielt eine Einladung und schließlich die Rückmeldung, meine balletttechnischen Fähigkeiten unter Berücksichtigung meines vergleichsweise hohen Einstiegsalters weiter auszubilden, um es im Folgejahr erneut beim Vortanzen zu versuchen. Nach einem Jahr hartem Training klappte es zu meiner großen Freude mit der Aufnahme. Trotz der Widrigkeiten, welche das Verlassen meines Elternhauses sowie der Umzug in eine ca. 2,5 Flugstunden entfernte Stadt für ein 17-jähriges Mädchen bedeuteten, hörte ich, ermutigt insbesondere durch meine Großeltern, auf mein Herz und entschloss mich, meinem Traum, eine professionelle Balletttänzerin zu werden, zu folgen. Zur Beruhigung meiner Eltern wurde ich auch an der Universität angenommen, um gleichzeitig Architektur studieren zu können.

An der Bolshoi Schule machte ich einige der schönsten und prägendsten Erfahrungen meiner tänzerischen Karriere, auch wenn die Umstellungen, längerfristig fernab der Heimat und der Familien zu sein und mit einem anderen Tanzstil (kubanische Technik) ausgebildet worden zu sein, als dies an der Bolshoi Schule gelehrt wird, für mich in meinem damaligen Alter zunächst durchaus
eine Herausforderung darstellten. Vielleicht ermöglichten mir die vielen neuen Herausforderungen, mich noch mehr auf meinen Traum zu fokussieren... Ich habe die Zeit an der Bolshoi Schule, auch heute noch, als sehr besonders in Erinnerung. Alle Lehrer*innen kamen aus Russland, unmittelbar vom angesehenen Bolshoi Theater in Moskau, dem Zuhause der ursprünglichen „Vaganova Technik“. Ich habe so viel über diese schöne Technik gelernt und auch über das Ballett hinaus in vielen Bereichen wertvolle Erfahrungen sammeln können, durfte Verantwortung übernehmen, konnte die erforderliche Disziplin und die Professionalität weiterentwickeln und habe, auf mich allein gestellt, auch die Menschen und das Leben besser kennenlernen können. Ich bin sehr glücklich und dankbar, in diesem Alter eine solche Gelegenheit erhalten zu haben.

Nach Abschluss des Studiums erhielt ich, unter fünf Studentinnen und Studenten aus meinem Jahrgang, eine Einladung, der Jugendkompanie der Schule beizutreten. Die Jugendkompanie dient der Vorbereitung auf die Arbeit bei internationalen Theatern und war für mich eine willkommene Möglichkeit, erste Erfahrungen als professionelle Tänzerin zu sammeln. Diese Zeit war von unvergesslichen Erlebnissen geprägt - u.a. durften wir an der Seite großer Ballettpersönlichkeiten, den Solistinnen und Solisten des Bolshoi Theaters Moskau, wie Natalia Osipova, Ivan Vassiliev, Ekaterina Krisanova oder Andrey Bolotin tanzen und auch mehrmals nach Moskau reisen, zum Beispiel, um dort ein einmonatiges Praktikum zu absolvieren. Nach ca. eineinhalb Jahren in der Jugendkompanie kam der Zeitpunkt, Platz für die jüngeren Absolventen zu machen. Ich tanzte in mehreren Ländern, auf mehreren Kontinenten vor und erhielt die Möglichkeit, mich dem „Landestheater Salzburg“ in Österreich anzuschließen und zog schließlich von Brasilien nach Europa.

In 2012 tanzte ich dann beim Ballett Dortmund vor, wo ich bis heute glücklich arbeite. Hier hatte ich die Möglichkeit, Choreografien von
weltbekannten Ballett-Choreografen zu tanzen, u.a. Willian Forsythe „The vertiginous Thrill of Exactitude“, Benjamin Millipied „Nutcracker“, Douglas Lee „Piano Pieces“ & „She Wore Red“, Alexander Ekman „Cacti” & “Midsummer Night Dream“,Johan Inger „Rain Dogs“ u.v.m. Mit dem Ballett durfte ich auch außerhalb von Dortmund, sowohl national als auch international, u.a. in Kasan und St. Petersburg (Russland) sowie in Xian und Peking (China), auftreten. Insgesamt blicke ich bis heute auf eine schöne Zeit und viele tolle Erfahrungen als Tänzerin beim Ballett Dortmund zurück.

Das Jahr 2020 stellte sicherlich für jeden eine Herausforderung dar, insbesondere auch für alle Kolleginnen und Kollegen aus der Kunst- und Unterhaltungsbranche. Die Pläne für die betroffenen Spielzeiten sowie die Trainingspläne bzw. die Art des Trainings wurden jeweils an die Gesamtsituation angepasst. Man ließ sich auf die neuen Gegebenheiten ein, trainierte teilweise gar von zu Hause, behalf sich dabei zumindest mit der modernen Technik, schließlich wurde wieder in kleineren Gruppen und unter dem gebotenen Abstand trainiert und im Sommer/Herbst waren wir alle dankbar, zumindest einige Male vor einem kleineren Publikum als zu „Vor-Pandemiezeiten“ aufzutreten. In regelmäßiger Häufigkeit galt es, neue Regeln zum Schutze der Gesundheit zu befolgen, welche die tägliche Arbeit betrafen. An manchen Tagen war man zugegebenermaßen schon etwas niedergeschlagen, den geliebten Job nicht wie sonst ausüben zu können und insgesamt zu spüren, wie sowohl die Kunst- und Unterhaltungsbranche als auch das alltägliche Leben leiden. Innerhalb der Ballett-Gruppe war es jedoch möglich, die Motivation und den Optimismus hochzuhalten, um gemeinsam die aktuellen Herausforderungen zu meistern.

In dieser in vielerlei Hinsicht herausfordernden Zeit haben sich für mich persönlich, trotz der Einschränkungen in meiner täglichen Arbeit, auch neue berufliche Möglichkeiten eröffnet. Das Nähen von Ballettkleidung hatte sich bereits vor der Pandemie zu einem geliebten Hobby entwickelt, nachdem mich eine Freundin bat, für Sie Ballettröcke für Proben und das Training/den Unterricht zu nähen. Vor ca. drei Jahren habe ich die Dancewear-Marke „Ricciarte“ entwickelt und betreibe seither einen Online-Shop (www.ricciarte.etsy.com) mit selbst entworfener und handgemachter Ballettkleidung. Diese Arbeit stellt für mich einen guten Ausgleich zur Arbeit auf der Bühne sowie zum täglichen Training dar. Zu Beginn der Pandemie wurde ich von der Direktion gefragt, ob ich Gesichtsmasken für die Theatermitglieder nähen könne, da zu diesem Zeitpunkt eine hohe Nachfrage und ein begrenztes Angebot bestand und der Mund-Nasenschutz zunehmend als wirksame Komponente in der Pandemiebekämpfung angesehen wurde.

Meine dritte und bislang umfangreichste Arbeit dieser Art fand in Verbindung mit dem Ballett „Abstand“, welches die Pandemie und ihre Auswirkungen thematisiert, statt. Unser Intendant schenkte mir das Vertrauen, sämtliche Kostüme zu entwerfen. Für diese Gelegenheit bin ich ihm sehr dankbar.

Die Premiere von „Abstand“ fand wenige Wochen bevor die Theater leider wieder schließen mussten statt. Trotz eines in Folge der Pandemiesituation ungewöhnlichen Jahres 2020 blicke ich auf neue Möglichkeiten in Verbindung mit einigen positiven Erfahrungen, insbesondere der Entdeckung einer zweiten Leidenschaft, dem Entwerfen von Kostümen, zurück. Ich bin sehr froh, beim Theater Dortmund beschäftigt zu sein und äußerst dankbar für den solidarischen Zusammenhalt innerhalb der Gruppe im und um das Ballett bzw. Theater sowie das mir entgegengebrachte Vertrauen im Rahmen meiner ersten praktischen Erfahrungen im Bereich des Designs von Kostümen.

Ich freue mich auf weitere neue Herausforderungen und hoffe, bald wieder im gewöhnlichen Rahmen arbeiten und auftreten zu dürfen. Mögen wir alle in bestmöglicher Hinsicht durch die aktuelle Zeit kommen.