Artist in Residence: Interview mit Edward Clug

Mit ihm gewinnen Ballett Dortmund und NRW Juniorballett einen der bedeutendsten Choreografen unserer Zeit als Artist in Residence – unter dem neuen Ballettintendanten Dr. JašOtrin – : Edward Clug. 

Seine Stücke sind weltweit gefragt – u. a. am Stuttgarter Ballett, dem Nederlands Dans Theater, dem Bolshoi Moskau oder hier in Dortmund, wo Sie in den vergangenen Jahren bereits seine magische Version von »Peer Gynt« oder sein spektakuläres »Le Sacre du Printemps« erleben konnten. 

Als genialer Erzähler mit Gespür für Atmosphäre und musikalische Präzision schafft Edward Clug Werke, die unter die Haut gehen. Für sein Schaffen wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit den höchsten slowenischen Kulturpreisen, darüber hinaus war er für renommierte Preise wie den „Benois de la Danse“ nominiert. 

Als Artist in Residence bringt er erneut seine unverwechselbare künstlerische Handschrift nach Dortmund – diesmal als Artist in Residence neben Annabelle Lopez Ochoa.

Willkommen zurück, Edward!

Im folgenden Interview lernen Sie den Choreografen bereits etwas näher kennen:

Wie war Deine Ballettausbildung in Rumänien von 1983 bis 1991?
Als Kind von zehn Jahren wurde ich Schüler in der klassischen Ballettschule von Cluj-Napoca. Damit endete meine Kindheit. Ausbildung und Training waren sehr streng, so wie Überlebenstraining, und wir hatten immer Hunger. Aber ich wollte einen Beruf ergreifen, der es mir ermöglichen würde, dem rigiden kommunistischen System unter Ceauşescu zu entkommen und möglichst in ein westeuropäisches Land auswandern zu können.

Warum hast Du eine Anstellung als Tänzer beim Slowenischen Nationaltheater in Maribor angenommen?
Nach Abschluss meiner Ballettausbildung in Cluj-Napoca, vermittelte
mir ein Professor, der auch im damaligen Jugoslawien Ballettunterricht gab, eine Stelle beim Slowenischen Nationaltheater in Maribor. Ich war schon immer am Schauspiel interessiert und war sehr froh dort als Tänzer anfangen zu können.

Wann und warum hast Du Dich Karriere als Tänzer aufgegeben und sich ganz der Choreografie zugewandt?
Schon im Alter von 23 erhielt ich die Gelegenheit meine erste Choreografie zu kreieren und es machte mir wirklich sehr viel Freude neue Ballettstücke zu produzieren. Als ich 2003 zum Künstlerischen Direktor des Slowenischen Nationaltheaters ernannt wurde, führte ich die Compagnie in eine neue spezifisch zeitgenössische Richtung. Nach 25 Jahren beendete ich meine Karriere als professioneller Tänzer und seit 2016 konzentriere ich mich auf die Realisierung meiner choreografischen Träume.

Welchen Beruf würdest Du gerne ausüben, wenn Du nicht Tänzer und Choreograf geworden wärst?
Es hätte auf jeden Fall etwas mit Kunst zu tun gehabt. Als Kind habe ich immer gerne gemalt. Wahrscheinlich hatte ich nicht viele Möglichkeiten zu spielen, so malte ich mir meine imaginären Figuren oder Spielzeuge zum Spielen. Es war meiner heutigen Arbeit als Choreograf ziemlich ähnlich. Ich gebe meinen imaginären Figuren Bewegung, ich kreiere Bewegungen und die Tänzer geben ihnen Leben und Bedeutung.

Edward Clug (c) Leszek Januszewski

Hast Du einen Lieblingschoreografen?
Jiří Kylián, seine Werke lösen besondere Empfindungen aus und lassen Sie teilhaben an seinem einzigartigen Kosmos. Nehmen Sie teil daran.

Welche Deiner vielen Choreografien gefallen Dir am besten?
Meine Karriere wurde wesentlich beeinflusst durch Radio and Juliet, ein zeitgenössisches Stück mit Musik der britischen Rockband Radiohead. Jede meiner Kreationen hat einen besonderen Platz in meinem Weg. Wenn ich nun eine nennen soll, ist es meine kürzeste, ein Quartett mit dem Titel Mutual Comfort, die ich 2015 für das Nederlands Dans Theater geschaffen habe. Das Stück enthält in 10 Minuten die Essenz meiner choreografischen Arbeitsweise und auch kennzeichnende Eigenschaften meines menschlichen Verhaltens (human behaviour).

Du lebst seit 32 Jahren in Maribor. Kannst Du Dir vorstellen oder planst Du eines Tages an einen anderen Ort zu ziehen?
Ich bin sehr glücklich, dass ich mit meiner slowenischen Frau, einer ehemaligen Balletttänzerin, und meinen zwei Kindern etwas außerhalb von Maribor lebe. Außerdem wird mein Vertrag mit dem Slowenischen Nationaltheater in Kürze für weitere fünf Jahre verlängert. Deshalb habe ich zurzeit keine Umzugspläne, obwohl ich ganz attraktive Angebote von größeren Compagnien aus dem Ausland – inklusive
Deutschland – bekommen habe.

Wo würdest Du gerne leben, wenn nicht in Maribor?
Wenn nicht in Maribor, würde ich mit meiner Familie gerne
auf einer kleinen, einsamen Insel leben, die allerdings Internet haben müsste für meine Kinder.

Wie viele Tage im Jahr bist Du unterwegs?
Im letzten Jahr habe ich mehr als 70 Flugreisen unternommen. Der Flughafen Graz in Österreich ist nur 40 Minuten mit dem Auto von meinem Haus entfernt und hat viele Flugverbindungen zu internationalen Flughäfen.

Wie hat der Corona Lockdown Dich und Deine Arbeit beeinträchtigt?
Für mich persönlich war der Lockdown wie ein Traum. Ich konnte endlich wertvolle Zeit mir meiner Familie verbringen. Ich wusste, dass so eine ruhige Zeit nie wieder kommen wird und das stimmt auch. Nie habe ich so viel und so intensiv gearbeitet
wie nach der Pandemie. Aber nun, nach drei langen Produktionen in weniger als zwei Jahren habe ich entschieden, in den nächsten zwei Jahren etwas kürzer zu treten. Ich
brauche Zeit für die nächste große Choreografie.

Welchen Rat würdest Du jungen Tänzer*innen geben?
Lasst euch vom Besten beeindrucken und sucht das Beste
in euch.

Welche Auszeichnung bedeutet Dir am meisten?
Die, für die ich mich nie beworben habe. Ich bin sehr glücklich vom slowenischen Präsidenten den Silbernen Verdienstorden bekommen zu haben und vom rumänischen Präsidenten Klaus Johannis den Nationalen Verdienstorden.

Wie gefällt Dir die Arbeit mit dem Ballett Dortmund?
Nach einigen sehr erfreulichen Gemeinschaftsprojekten ist das Ballett Dortmund mit seinem ganzen Team für mich wie Heimat. Ich fühle mich hier sehr willkommen und privilegiert, mit diesen talentierten und wunderbaren Menschen
arbeiten zu können.

Das Interview mit Edward Clug führte Michael Brenscheidt.